Gloomhaven – der Mount Everest unter den Dungeon Crawlern

Ein Dungeon Crawler mit „Legacy“-Einschlag, über den in Foren immer wieder mit Spoilern geschrieben wird, der zu Beginn nur 6 von 20 Charakteren spielbar bzw. überhaupt offenbart, der mit 120 Spielstunden angegeben wird, der allein 140 Euro kostet – nicht zu vergessen ein ordentliches Organisationssystem, ohne dass man mit dem Spielen eigentlich gar nicht anfangen kann. Ein Spiel, dass bei Kickstarter mit seinem Reprint alle Stretchgoals quasi pulverisiert hat. Ein Spiel, das bei Boardgamegeek seit Wochen als Nummer 1 geführt wird. Wo fängt man da an?

Zugegeben: Wer einen Job und eine Familie hat, für den ist Gloomhaven wahrscheinlich so etwas wie eine Lebensentscheidung. Denn hat man damit einmal angefangen, wird man sich bei jeder Spielgelegenheit 3x überlegen, ob man Gloomhaven auf den Tisch bringt, Shadows of Brimstone, Imperial Assault oder Descent…

Also: Nach gerade mal drei Spielen (2x Szenario 1, 1x Szenario 2)  kann man nicht viel mehr als nur an der Oberfläche gekratzt haben. Dennoch sind die bisherigen Eindrücke mehr als bleibend.

Das Spielmaterial

Gloomhaven spart nicht. Bodenplatten, Token, Minis (insgesamt 20 an der Zahl, von denen ich bisher aber nur 6 gesehen habe) – alles hat hohe Qualität, die durchaus auch mit dem von FFG oder FFP vergleichbar ist. Dazu unzählige Karten in sehr guter Druckqualität (Sleeven sollte man sie dennoch zumindest teilweise).

Ordnung muss sein!

Ein Problem, auf das jeder aufmerksam gemacht wird, wenn er sich mit dem Spiel beschäftigt: Wie organisiere ich die Karten, Token, Figuren, Bodenplatten – ohne dass die sowieso schon riesige Spielbox gesprengt wird, ohne dass man den kompletten Überblick verliert? Genau. Man bastelt sich einen Organizer. Das können die beliebten Sortierboxen aus dem Baumarkt sein, die Zipp-Tütchen aus dem Supermarkt oder, wer keine Kosten scheut, kann auf einen der professionellen Organizer zurückgreifen, die es im Netz gibt. Problem: Diese sind entweder teuer, gerade nicht erhältlich oder werden aus Australien oder den USA versendet, was die sowieso schon hohen Kosten noch mal in die Höhe treibt.

Nichtsdestotrotz: Ich habe mich für eine „teure“ Variante entschieden und über etsy.com den Gloomhaven Organizer von BasicallyWooden bestellt. Ein wirklich prächtiges Exemplar von einem Organizer (für den Preis hätte man allerdings 75% eines weiteren Gloomhaven-Spiels bekommen). Der beschleunigt ungemein den Spielaufbau und die gesamte Vorbereitung und sorgt außerdem dafür, dass Euer Spielmaterial ein langes Leben hat – was angesichts der voraussichtlichen Spieldauer von Gloomhaven sicher nicht verkehrt ist.

Wann kann ich endlich spielen?

Vor das erste Szenario hat der liebe Gott reichlich Blut, Schweiß und Tränen gesetzt. Auf Boardgamegeek.com gibt es immerhin einige exzellente „Where to start“-Dokumente, die genau auflisten, wie Ihr was vorbereiten müsst, was Ihr auf keinen Fall vergessen solltet – und wie Ihr Euren ersten Spielcharakter startklar macht. Denn merke: Auch wenn die Regeln eingängig und irgendwann auch intuitiv sind, kann man wahre Horden von Fehlern machen zu Beginn, sich bei Timing-Fragen verunsichern lassen – oder ganze Spielelemente schlichtweg vergessen. Auch hier hilft: ein Blick auf Boardgamegeek.com. Da bekommt Ihr von Gloomhaven-Experten jederzeit Hilfe.

Hilfe gibt es auch vom Youtube-Kanal Lets Boardgame (https://www.youtube.com/channel/UC0WufdcbhwGYNzBm3NFybVA), der zwei tolle Erklärvideos zu Gloomhaven anbietet – und auf Regelfragen sehr schnell antwortet. Toll!
Da wäre ein spoilerfreies LetsPlay-Video (https://youtu.be/p-nmBGXgZGI) sowie ein umfangreiches Regelerklär-Video (https://youtu.be/Jdywq2nNxIQ) – alles auf deutsch, und somit sehr gut verständlich.

Apropos Erklärvideos. In zwei weiteren, hochoffiziellen (engl.) Videos bekommt Ihr ebenfalls die Regeln erklärt. Kann ich nur empfehlen – dadurch blieben mir einige Anfängerfehler erspart.
https://youtu.be/pSWMvXT6jCw (Gaming rules) und https://youtu.be/XUx7riwsrwY (Campaign Overview)

Kurz gefasst

Ihr sucht Euch Euren Charakter aus, nehmt das passende Spielmaterial, sucht Euch eine von zwei „Lebensziel“-Karten aus, eine von zwei „Battle goal“-Karten (die werden nach jedem Szenario abgelegt bzw. bei jedem neuen Szenario neu), das 20 Karten umfassende Angriffskarten-Deck sowie Euer Startdeck aus 8-11 Ability-Cards (die Zahl differiert je nach Charakter stark). Mit dieser Starthand müsst Ihr dann die Szenarien bestreiten. Außerdem solltet Ihr jene Equipment-Karten nehmen, die Euch das Szenario-Buch vorschlägt.

Los geht’s!

Szenario 1, was ich zweimal gespielt habe, ist so etwas wie das Tutorial. Es dient vor allem dazu, die Spielmechanismen kennenzulernen, sich mit seinen Karten vertraut zu machen, die Fähigkeiten, Stärken und Schwächen seines Charakters zu studieren – und Spaß zu haben. Eines ist sicher: Ihr werdet Fehler machen. Aber das ist nicht schlimm. Wichtiger ist es, bei Unklarheiten nicht stundenlang die Regeln zu studieren. Entscheidet Euch für eine Vorgehensweise und prüft sie nach Spielende. Das verkürzt die „Downtime“ aller Mitspieler.

Ein Spielzug besteht daraus, aus seiner Hand zwei Karten auszuspielen, von denen Ihr bei einer die „obere“ Fähigkeit nutzt, bei der anderen die „untere“. Darüber hinaus ist eine von beiden Karten Eure „Initiativ“-Karte (mittig aufgedruckte Zahl), die darüber entscheidet, wann während des Spielzuges Ihr dran seid. Wollt Ihr lieber agieren (und zum Beispiel eine Truppe eng zusammenstehender Monster mit einem Flammeninferno vernichten), dann nutzt eine niedrige Initiativ-Zahl. Wollt Ihr lieber reagieren können auf Monsterbewegungen – nehmt eine hohe Zahl. Auf den Karten selbst finden sich Move- und Attack-Manöver ebenso wie Spezialaktionen (Heilen, Looten, Springen, Rüstung raubern, unsichtbar werden, Rammangriff – die Aktionen richten sich stark nach dem jeweiligen Charakter). Mein Spellweaver, mit dem ich bisher unterwegs bin, ist der typische Magier, der eher aus dem Hintergrund agiert – er hat als Spezialaktionen Kampfzauber und ähnliches, der Scoundrel (Schurke) meiner Frau ist schon wieder vollkommen anders gestrickt.

Und? Gefällt?

Nach drei Szenarien und gerade mal 3-4 Stunden Spielzeit ist es vollkommener Quatsch, ein endgültiges Urteil über das Spiel zu fällen, zumal ich viele spannende Regelmechanismen (Road- und City-Events, die sich stetig verändernde Karte, neue, freischaltbare Charaktere, usw. usf.) noch gar nicht angeschnitten habe. Aber: Das Spiel macht unheimlich viel Spaß, ist herausfordernd, deutlich weniger „glücksabhängig“ als seine Konkurrenten Imperial Assault, Descent (2nd.) oder Shadows of Brimstone, die mit mehr oder weniger vielen Würfelwürfen daherkommen. Es bietet praktisch unbegrenzte Möglichkeiten hinsichtlich der Charakterentwicklung.

Bleibt dran – ich melde mich bald wieder aus Gloomhaven!