D&D: Attack Wing – Schrott oder nicht?

Das Ding sieht schlimm nach Plastik aus, kann sicher wenig und ist nur ein billiger Abklatsch von Star Trek Attack Wing oder X-Wing. Ist es das? Oder vielleicht doch ein nettes Spiel für Casual-Gamer und Leute, die nicht jede Erweiterung kaufen wollen? Ich tendiere zu…

Drachen? Drachen! Ich gebe offen zu, als ich das erste Mal hörte, dass mein Star Trek-Attack Wing-verrückter Kumpel nun ein Fantasy-Äquivalent mit Drachen in unserem Lieblingsladen (Merlins in Mainz, da sind wir schon namentlich bekannt) gesehen hat, reizte mich das so gar nicht. Naja, mit jeder Menge X-Wing-Minis im eigenen Regal, das reicht doch, da muss man doch nicht NOCH ein Spiel „anfangen“. Sein Gegenargument „Drachen!“ Tja, was soll ich sagen, der erste Testspielabend kam – und die Faszination ergriff mich. Mist. Kritiker meinen, das Spiel sei „pay-to-win“ auf Turnier-Ebene, das Spielmaterial billig bis hässlich, die Strategie des Herstellers nur „möglichst viel Kohle in kurzer Zeit“ und nach Veröffentlichung einiger Erweiterungen sicher sehr schnell nicht mehr gut ausbalanciert.

 

Zu Punkt eins: Ich spiele nicht auf Turnieren, muss mir deswegen keine Sorgen um ein eventuelles „Pay-to-win“-Spiel machen. Vielmehr spiele ich – wenn es denn zeitlich mal reicht – im Freundes- und Bekanntenkreis, wo weder das Gewinnen im Vordergrund steht, noch man ein Wettrüsten befürchten muss (jaja, von wegen kompetitiver Charakter…). Und im Kreise der Kumpels will man einen lustigen Abend haben, viel zum Lachen und trotzdem Spektakuläres auf dem Tisch. Wer dann am Ende der Sieger ist, hat sehr nachrangigen Charakter.

Das Spielmaterial ist – wenig überraschend – natürlich nicht mit den hochwertigen Minis von FFG zu vergleichen. Wer mal einen X-Wing, eine Slave One oder gar die Tantive in der Hand hatte, dürfte ahnen, dass auf Seiten von Wizkids in dieser Hinsicht nicht Paroli geboten werden kann. ABER: Dennoch sehen die Minis – zumindest die vier Drachen, die ich mir bisher anschauen konnte, sehr ordentlich aus. Farbverläufe machen was her, einige Details sind schön herausgestellt. Einzig der „Kupferdrache“ sieht bislang ein wenig danach aus, als sei er in einen Farbtopf gefallen. Da besteht noch etwas Nachbesserungsbedarf. Aber wer nur irgendwann mal ansatzweise Tabletop-Minis bemalt hat, wird sich in dieser Hinsicht mit etwas BlackWash behelfen können – und fertig ist der deutlich beeindruckende Kupferdrache.

Was die anderen Minis angeht, so mag ich mir dahingehend (noch) kein Urteil erlauben.

Dass ein Hersteller in kurzer Zeit „nur möglichst viel Kohle“ machen will – ja, wirklich? Willkommen in der modernen Marktwirtschaft. Sicher werden die vielen Erweiterungen wohl in einem sehr schnellen Rhythmus auf den Markt geworfen, was engagierten Spielern (die möglichst alles haben wollen) einen Loch von der Größe Neuenglands in den Geldbeutel fressen wird. Aber mal ehrlich: Wir „Casual-Gamer“ (ja, sowas soll es auch auf Brettspielebene geben) müssen nicht alles haben. Wir kaufen uns die Minis, die wir gerne haben möchten, die uns aufgrund von Hintergrund oder Fraktionszugehörigkeit gefallen – und kaufen nicht alles, nur um unser Spiel vollständig zu haben. Ich glaube auch nicht, dass der Hersteller auf diese Gruppe abzielt. Und selbst wenn? Ich hab noch nie Mitarbeiter von Wizkids gesehen, die Kunden mit vorgehaltener Waffe in einen Laden gezwungen haben, um sie dort dazu zu nötigen, ein Spiel oder eine Erweiterung zu kaufen – das machen die bekloppten Brettspielnerds in uns schon ganz von alleine. Die Schuld dafür beim Hersteller zu suchen ist in etwa so, als wolle man Milka vorwerfen, dass sie leckere Schokolade machen. (Hey, da fällt mir ein, ich hab noch kein Rezi-Exemplar von der neuen Weihnachtsschokolade bekommen!).

Zurück zum vergangenen Spielabend: Wenn Säurewolken Drachen plätten, Lichtblitze zwischen den fliegenden Ungeheuern hin- und herzucken, wenn Drachen dank gelungener Flug- und Wendemanöver oder ganz spezieller Eigenschaften plötzlich den perfekten Schuß-Winkel haben, um sich ihrer Verfolger zu entledigen, wenn absurd gute (und schlechte) Würfelwürfe darüber entscheiden, dass der Kupferdrache, ohne auch nur einmal gehustet zu haben, das Spielfeld verlassen muss – oder der wildgewordene rote Drache dank eines die Rüstung durchdringenden Eissturms das Zeitliche segnet, dann ist D&D:Attack Wing – Abend. Und mir macht das Spaß.

Wer also dem Fantasyhintergrund vielleicht mehr abgewinnen kann als X-Wing oder Star Trek, wer nicht jede Mini haben muss und auch selbst gerne mal zum Pinsel greift, ohne sich gleich ganze Armeen a la GW oder Privateer Press bemalen zu wollen / müssen, der sollte ruhig mal einen Blick auf D&D: Attack Wing werfen.